Totentanz

von August Strindberg

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Alice und Edgar sich die ewige Treue geschworen haben, bis der Tod sie scheidet. In der Zwischenzeit ist ihnen die Ehe zum Gefängnis geworden, der Alltag zur Hölle und der Tod ist noch so fern. Also gilt es, sich die Wartezeit zu verkürzen in einem fortwährenden Spiel ohne Regeln und Grenzen, durch die jahrelange Gewöhnung aneinander sind sie sich schutzlos ausgeliefert. Als ihr Jugendfreund Kurt auftaucht, wirkt er wie ein Brandbeschleuniger auf ihr Spiel an der Schwelle zum Wahnsinn.
August Strindberg hat mit seinem »Totentanz« ein Stück über die lustvolle und verzweifelte Zerfleischung zweier Menschen geschrieben, die nur der Tod aufhalten kann. Aber immerhin: diese Toten tanzen noch. Daniel Foerster, der Strindbergs »Fräulein Julie« kraftvoll und abgründig inszeniert hat, widmet sich nach dem leidenschaftlichen Kennenlernen nun dem grausamen Tanz des Alltags einer Ehe.

 

REGIE

Daniel Foerster
BÜHNE

Julia Scheurer
KOSTÜME

Ellen Hofmann

DRAMATURGIE

Henrieke Beuthner

MIT

Constanze Becker

Alexandra Lukas

Michael Benthin

Oliver Kraushaar

Pressestimmen

Beitrag Deutschlandfunk Kultur

Weil ich Dich hasse!

 

Edgar und Alice feiern ihre Silberne Hochzeit. Beide verbringen auch diesen Tag damit, sich zu langweilen, sich zu demütigen. Seit 25 Jahren ist das ihr Alltag. Daniel Foerster hat die Komödie „Totentanz“ von August Strindberg am Schauspiel Frankfurt in außergewöhnlicher Art und Weise inszeniert.

Es gibt vier brachiale Szenen in der Frankfurter Totentanz-Produktion, mit denen Daniel Foerster zeigt, wie er Theater-Handwerk versteht. Die eine geht so: Nach einer verbalen Demütigungskaskade holt Edgar (Oliver Kraushaar) zwei rohe Eier hervor. Eines davon schlägt er auf, er trennt Eigelb von Eiweiß, nimmt die rohe Eigelbkugel in den Mund und küsst Alice (Constanze Becker). Er „überlässt“ ihr dabei das Eigelb, sie hütet es in ihrem Mund, gibt es in einem nächsten Kuss an Edgar zurück, der die kleine gelbe Kugel noch ein weiteres Mal Mund zu Mund an sie „verschickt“, bis Alice sie orgiastisch so platzen lässt, dass ihr der gelbe Sabber aus den Mundwinkeln läuft: symbolischer, ekliger, konkreter und doch vieldeutiger kann man einen Blow-Job nicht darstellen. Fantastisch!

Selten hat man im Theater ein so konkret körperliches Erlebnis. Und es ist nicht das einzige Mal, dass sich einem an diesem Abend der Magen krümmt. Drei weitere Male wird Foerster es auf diese Art „krachen“ lassen. Torten und Splatter und Schraubzwingen inklusive. Ein Hirn platzt. Hier geht es also ums Extreme, um den Exzess, um die Eskalation.

Der Ehekrieg-Klassiker für vier Personen

Der Regisseur Daniel Foerster ist Mitglied des „Regiestudios“ am Schauspiel Frankfurt. Für Strindbergs Texte, vor allem für Strindbergs Figuren, hat er ein Händchen. Seine Arbeit von „Fräulein Julie“ ist jedenfalls in diesem Jahr zum „Radikal-Jung“-Festival eingeladen worden. Aus diesem Ehekrieg-Klassiker nun baut er in Frankfurt eine Stück für vier Personen, er lässt am Ende Kurt sterben, und statt des handelsüblichen Strindberg-Realismus bringt er ein leicht surrealistisches Spiel auf die Bühne: zeitlos, ohne konkrete Verortung. Stattdessen konturiert er Menschen mit einer halbwegs klaren psychischen Persönlichkeitsstörung – depressiv, narzisstisch, sadistisch – und lässt sie sich verheddern im immer gleichen Verhaltensmuster aus Demütigung und Vergötterung.

Auf der fahlen schwarzen Bühne von Julia Scheurer marschiert Oliver Kraushaar wie ein Zinnsoldat aus einem Weihnachtsmärchen im rot-schwarzen Rautenpulli umher. Constanze Becker als Alice gibt sich lasziv als Vamp im lilafarbenen Satinkleid mit schwarzer Spitze und Netzstrumpfhose. Kurt (Michael Benthin) erscheint in seinem zu engen Anzug wie ein Zirkusdirektor, und Judith (Alexandra Lukas), die Tochter, schwirrt als Bienchen in einem gelben Hängerkleidchen umher: zwangsnaiv. Man muss sie nur sehen, diese Menschen, und weiß, wer sie sind (Kostüme: Ellen Hofmann).

Kontrast aus Liebkosung und Demütigung

Das szenische Set-up ist reduziert, weil es keine große Rolle spielt. Denn Foerster will spielen, lässt spielen. Und hat dafür vier großartige Spieler zur Hand. Während bei Strindberg die ganze Qual im Text liegt, in jeder Nuance, in der sprachlichen Geste, im Zynismus, der aphoristische Züge annimmt, im himmelschreienden Kontrast aus Liebkosung und Demütigung, also in der simultanen Präsenz von Liebe und Hass, spielt Foerster den Text mit Tempo, Musik, Tanz und brachialer Kraft aus. Es ist, also löse er die Geschichte aus der Zwangsjacke des Konversationsstückes: er schiebt Musik in die Sprache, er schiebt Tanz und wilde Aktion in den Text.

Er bildet nicht ab – er transformiert. Und die vier Spieler können diese Text-Musik-Aktion-Assemblage so verkörpern, dass es realistisches Spiel bleibt: sie tanzen, rangeln, reißen, ächzen auf kleinem Raum. Das ist keine Revue, keine Performance, sondern Theater als große Komposition, das trotz allem auch den Text nicht vernichtet, sondern von Anfang bis Ende Spannung hat. So surreal die Szenen zu Beginn erscheinen, so wirklich mutet doch am Schluss alles an. Ja, so können Ehehöllen aussehen.

Ein unterhaltsamer Abend, nicht nur wegen des außergewöhnlichen Konzepts, der vielen Ideen, sondern vor allem wegen der Schauspieler: Becker, Kraushaar, Benthin und Lukas sind in diesem exaltierten Familienchaos das perfekte Ensemble, wie sie zu viert simultan auf der Bühne sich anspielen, sich bespielen, wie sie als Solisten in intimen „Spielblasen“ auf der kleinen Bühne Atmosphären schaffen, ist wirklich sehr sehr große Kunst.

Natascha Pflaumbaum, Deutschlandfunk Kultur, 14.06.2016

 

Der Schwerttanz ist noch besser. Kurt, der Gast, soll ihn unbedingt sehen. Na klar. Zuerst strampeln Edgar, Alice und ihre Tochter Judith, der kleine Bühnengeist, zackig zur Musik, bald säbelt Alice an Edgars besten Stücken herum, Kunstblut spritzt. Edgar sticht seiner Frau ein Auge aus und schleckt sich die Hände, als klebte Honig dran. Und schon steht Alice, die in ihrem lila Kleid und mit ihren langen Beinen aussieht wie eine Mischung aus Vampirella, Tangotänzerin und Furie, mit einem Baseballschläger da und haut auf etwas ein, das aus einer Luke im Bühnenboden herausragt und Edgars Kopf sein könnte. Und sie und Judith essen gierig von dem, was die Schläge bloßgelegt haben.

August Stringbergs "Totentanz" dürfte einer der schlimmsten Ehekriege sein, die jemals im Theater geführt worden sind. Doch das Schauspiel Frankfurt belässt es in dieser Inszenierung [...] nicht bei der Sprechtragödie. Regisseur Daniel Foerster geht es im Wesentlichen um den schicksalshaften Beziehungswahnsinn: Diese Insassen einer Ehe können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander sein, und keiner von ihnen hat Schuld daran. Foerster mischt deshalb Elemente aus Splattermovies, Comics und Kinderbüchern unter. Zum marionettenhaften Spiel kommt ein Hauch von "Rocky Horror Picture Show", "Tanz der Vampire" und "Kill Bill". Rock und psychedelische Musik treiben das Ganze voran. Und so heben die Frankfurter den "Totentanz" auf eine surreale, varietéhafte und ironische Ebene. Letztlich wird ein Theaterrausch aus dem Drama und ein großer Spaß.

Süddeutsche Zeitung

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